Es begann am Bahnhof
Die Nacht war kalt, am Bahnhof fuhren Züge ab, es schien ein gewöhnlicher Abend zu sein. Bis ich sie sah: Sie trug einen französischen Hut, einen roten Mantel und hohe Schuhe. Als hätte ich sie gerufen, drehte sie sich zu mir und warf mir einen Blick zu. Nur einen Hauch einer Sekunde, doch die Zeit schien stillzustehen.
Ein Zug fuhr ein. Sie lächelte noch einmal, dann stieg sie ein. Ich blieb stehen, bis es mir auffiel: Ein kleines Buch lag auf der Bank, auf der sie eben noch gesessen hatte. Ein Tagebuch. Auf der ersten Seite stand eine Adresse. Ohne zu wissen, ob es ihre war, schickte ich unseren ersten Brief.
Liebe Unbekannte,
ich wage es, Ihnen diese Zeilen zu senden, in der Hoffnung, dass sie Sie erreichen. Das Schicksal spielte mir ein kleines, in Leder gebundenes Buch in die Hände, Ihr Tagebuch, wie ich vermute. Seit jenem Augenblick, in dem sich unsere Blicke trafen, sind Sie mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
Es gibt ein Café in der Grindelallee. Es ist etwas versteckt, jedoch voller Geschichten, und ich habe das Gefühl, dass es Ihnen gefallen könnte. Ich werde am Freitag um 17 Uhr dort sein. Wartend, hoffend.
Ein Fremder, dem Sie nicht mehr fremd sind
Die Uhr schlug 17 Uhr
17:05, dann 17:20. Fast hatte ich die Hoffnung verloren, da erblickte ich sie aus der Ferne. In ihrem roten Mantel kam sie auf mich zu, so schön wie beim ersten Mal, nein, noch schöner. Stunden verflogen, der Kaffee wurde irgendwann zu Wein, und unsere Gespräche nahmen kein Ende. Ein Gefühl, als würden wir zusammengehören.
Doch ihre Welten waren zu unterschiedlich, zu laut die Stimmen, die dazwischenfunkten. Sein letzter Brief blieb unbeantwortet, weil er nie bei ihr ankam.
Freitags, 17 Uhr
Die Monate vergingen. Die Briefe wurden kürzer, seltener, aber nie hörte er auf zu schreiben. Er legte sie immer an denselben Ort: auf den kleinen Tisch im Café in der Grindelallee. Jeden Freitag, 17 Uhr. Schreiben bedeutete erinnern, hoffen, lieben.
Und dann, an einem Freitag im Frühling, trat sie ein, als wäre sie nie fort gewesen. Sie setzte sich, sagte nichts und legte ihre Hand auf seine. Zwischen dampfendem Tee lag der letzte Brief. Leer. Denn alles, was noch gesagt werden musste, wird in Zukunft geschehen.
Ein Platz bleibt für dich gedeckt.
Die Liebesgeschichte aus unserer Karte, Kapitel für Kapitel. Das Ende steht auf Seite 8 der Karte.









